Als ich von meiner ersten Saison bei Aldoni im September 1987 wieder zuhause war, waren 3 Circusse verschiedenster Art in der Nähe. Die mußte ich sehen.
Wiedersehen mit dem großen Circus Siemoneit-Barum und Freund Liswoy Bratuchin in Schwäbisch Gmünd, der mir seine 3jährige Tochter als perfekte Kosakenreiterin auf einem Minipony vorstellte. Aber leider durfte sie nicht in die Vorstellung, Siemoneit war besorgt, sie könnte seiner Tochter Rebecca die Schau stehlen..
In Urbach stand der Familien-Circus Aramant (Spindler) aus Berlin, von dem ich auf der Reise von Circusleuten viel Gutes gehört hatte.
Durch die kleinen Nester der Gegend sollte ein Minicircus herumgeistern.
Schon die Plakate ließen nichts Gutes ahnen. Allein schon der Name: Ali Baba. Aber die Räuber waren nur ihrer drei. Aldoni war dagegen ein Riese.
Ich kriegte das Bauchkribbeln, als ich in dem uralten, zerfetzten Stallzelt saß. Ich zählte die Besucher auf den wackeligen Stühlen: mit 98 Personen war das Zelt überfüllt.
Eine winzige Manege, auch noch mit 2 Masten darin, war nur optische Staffage, da lief nur einmal ein Pony zum Mützenreiten herum, sonst brauchte man in diesem Bettuch-Circus keine Manege. Ein riesiger Ziegenbock stand stinkend auf einem Podest und war als Schlauer Hans dressiert, der Direktor spuckte Feuer und eine Riesendame führte Tauben vor. Ein seltsames Liebespärchen auf der Wanderschaft mittleren Alters als Requisiteure. Und nichts klappte.
Es war eine Zumutung für das Publikum, eine Unverschämtheit, dafür Geld zu verlangen. Ich ärgerte mich, wollte empört aufstehn und gehn.
Aber dann war ich überrascht, perplex, begeistert. So etwas hatte ich noch in keinem Circus gesehen.
Ein Messerbrett wurde aufgebaut. Hand in Hand kamen Brüderlein und Schwesterlein mit Schnuller und Teddybär und verbeugten sich. Der große Bruder war grademal 7 Jahre alt, das Schwesterlein 5 Jahre. Der Teddybär wurde aufs Messerbrett geschnallt und die Messer zischten mit unglaublicher Treffsicherheit aus respektabler Entfernung. Ein Tausendsassa, dieser Knirps. Nach dem Teddybär stand die kleine Schwester am Messerbrett. Mir stockte der Atem, kein Daumen breit zwischen den scharfen Messern und dem Hals des Mädchens. In all den Jahren hatte ich von versierten Messerwerfern kein ähnliches Risiko erlebt. Weder Vittorio Saly, noch Markus Sperlich, noch Gerhard Aldoni.
Zum Schluß zwang die Riesendame das Publikum zum Klatschen. Neugierig paßte sie mich nach der Vorstellung ab und fragte mich aus. Was? Maler? Ich mußte auf ihren Wagen zum Kaffee trinken Ach ja, bitte, malen Sie was Schönes auf den Kassenwagen, wir zahlen gut.
Sonst noch was! Das kennen wir. Die kann mir mal im Mondschein begegnen. Fluchend fuhr ich nach Hause.
Die Gedanken ließen mich nicht los, das Ganze kam mir irgendwie bekannt vor.
Schließlich fiel der Groschen und ich suchte solange, bis ich das Buch gefunden hatte: "Einmal Deutschland umsonst"
Jawoll! Da war’s! Der Autor dieses Bestsellers hatte auf seiner Wanderschaft den Circus Leonhard erlebt und beschrieben. Haargenau, nur, daß damals noch ein altes Viermastzelt da war und Kamele, aber wie jetzt nichts klappte, alles bis auf die Tauben der letzte Dreck war, die aufdringliche Riesendame, dann eine sensationelle Messerschau mit rotierendem Messerbrett. Absolute Spitze, meisterhaft. Einen Tag hatte der Buchautor dort geholfen für einen Teller schmieriger Spaghetti.
Es war diese verrückte Story in diesem ungewöhnliche Buch,
mich lockte das absurde, verdrehte Unmögliche, das schizophrene Abenteuer. Ich
fuhr am Wochenende wieder hin, und sie taten alles, um mich festzuhalten. Die
Wanderschönheit wurde abkommandiert, mich zu unterhalten und machte mir schöne
Augen, bis die Vorstellung vorbei war und ich zum Kaffee gerufen wurde, zum
Abendessen und einer Flasche Schnaps. Ja, sie waren es, die im Buch dargestellt
worden waren. Nur der geniale Messerwerfer, der Ehemann der Riesendame, war
gestorben. Sie kam aus dem Circus Brumbach, früher mal ganz berühmt, als kleines
Mädchen hatte sie auf dem Schoß des Führers Adolf Hitler gesessen, voller Stolz
zeigte sie mir das alte Foto.
Sie hatte sogar einen Bauernhof als Winterquartier.
Allmählich kriegten sie alles aus mir heraus. Ich ließ mich engagieren. Nicht
nur den Kassenwagen zu bemalen, sondern als Star der Manege mit meinen Pferden
und als Clown.
Nach den Mühen bei Aldoni mit Reklame, Stallarbeit und Zeltaufbau nun so, wie man sich als Laie das Leben des umjubelten Circusartisten vorstellt. Bloß ohne die Taschen voller Geld.
Nicht anderes tun, als nur Star in der Manege zu sein. Ich brauchte nur kurz vor Vorstellung mit meinem Transit und Hänger kommen, meine Pferde ausladen, aufzäumen, mich umziehen, auftreten und nach der Vorstellung feierten wir unseren Erfolg. Fast vor meiner Haustür, mal 4, mal 6 oder 8 km zu fahren.
Die alternative Zeitung GegenDruck hatte mir die
Unterlagen der geplanten Aktivitäten der Landeskunstwoche in Schwäbisch Gmünd
gebracht, mir freie Hand gegeben, mir fast die komplette Ausgabe zur Verfügung
gestellt, um was draus zu machen. In einer ungeahnten Flut von Einfällen,
Karikaturen und Satitrik nahm ich die angekündigten Akteure, Künstler, Aktionen,
Performances auf’s Korn und traf voll ins Schwarze. Die Zeitung ging weg wie
warme Semmeln, die etablierten Stadtkünstler kochten vor Wut. Der GegenDruck
revangierte sich umgehend mit einer aufwendigen mehrseitigen Reportage über
Jachino im Circus mit tollen Fotos, das zog natürlich alle meine vielen
Bekannten in jede Vorstellung. Star des Circus, Madame
Die einziges Tierdressur des Circus, der Ziegenbock 
Dazu spielte ich auf meiner Concertina
In Raum Schwäbisch Gmünd war ich nun bekannt wie ein bunter Hund.
Aber das Problem war dieses Unding von Manege. Die war nicht
nur viel zu klein, sondern es standen auch noch die 2 Masten darin. Die wurden
einfach schräggestellt. Ich zitterte bei jeder Vorstellung, daß meine Pferde
nicht mit dem Kopf dagegen rannten. Geschickt wichen sie aus, aber irgendwann
wollte ich das Risiko nicht mehr länger eingehen. Meine Clownerie reichte schon.
Ich spielte zusammen mit dem Vater und den beiden Kindern eine neue Clownsnummer,
die ich mir ausgedacht hatte, ohne die üblichen abgedroschenen Kalauer, die in
jedem Circus immer wieder penetrant heruntergeleiert werden. Einmalig in der
"Manege" dieses Circus: meine Pferde!
nur ein sw Foto, der Hintergrund der Zeltwand ist gar zu schaurig anzusehen.
Da kam Besuch zum Circus und blieb. Schausteller mit Karussell, Ponyreitbahn, Schiffschaukeln. Da war der Platz voll. Alles Brumbachs, alle Verwandte der Riesendame. Ach so: die berühmten 40 Räuber, die der Ali Baba braucht.
Madame wollte mich unbedingt als Clown haben zu ihrer Taubennummer und mit mir im Winter in den Schulen arbeiten. Sie lachte mich immer freundlicher an. Kannst auch mir wohnen, in meinem Haus auf meinem Bauernhof. Nebenher zischelte sie mir aber zu: der da, mein Schwiegersohn, das ist ein Privater! und verzog verächtlich das Gesicht.
Zu jeder Vorstellung brachte er ein Körbchen mit den Utensilien für seine Glanznummer, die Feuerschau, bei der seine Frau als "charmante Partnerin" assistierte. Wenn sie aber Kopfweh hatte, fiel die Nummer aus. Sie hatte fast immer Kopfweh, jetzt, da ich auch mitmachte, sowieso.
Eines Tags ritt ich mit meinen beiden Pferden aus, nach Spraitbach zum Circus. Madame holte mich gleich in ihren Wagen und stellte mir eine Tasse Kaffee hin. Ach, wie war sie so hinreißend süß zu mir, sie hatte sich sogar extra fein gemacht. Mir war nun nicht mehr ganz wohl dabei. Dann brachte sie mir ein Geschenk!
Extra für mich fix fertig ausgenommen und geputzt: 3 Forellen, und was für Prachtexemplare! Die wurden in die Satteltasche gepackt und schmeckten zuhause vorzüglich. Aber nicht nur bei ihr und bei mir, in jeder Familie der Schausteller und Circusleute gab es Forellen. Bei denen mit der Ponyreitbahn und denen mit der Schiffschaukel, dem Karussell, der Schießbude. Ein vollständiger Rummelplatz machte hier Urlaub. Und aß Forellen. Alle waren am Kochen.
Anderntags besuchte ich den Mühlenpaul in der Ölmühle tief unten im Tal bei Spraitbach, um Werbung für den Circus zu machen bei seinen zahlreichen Sonntagsbesuchern mit Kind und Kegel.
Auch Paul war am Kochen. Keine Forellen, aber vor Zorn. Forellen hätte er auch nicht kochen können, denn in seinem seit Jahren sorgsam gepflegten Forellenteich gab es nicht eine Forelle mehr. In seiner Abwesenheit waren zwei Knaben gekommen und hatten den Freund vom Mühlenpaul gefragt, ob sie denn nicht ein kleines Fischlein angeln dürfen, sie sind vom Circus. Ach bitteschön, nur ein einziges kleinwinziges Fischlein, wir sind vom Circus.
Und der ehegescheiterte Heilpraktiker auf der Flucht gab nichts ahnend die Erlaubnis. Die Schausteller-Knaben haben dann den ganzen Teich leer gefischt.
Ich konnte den Paul etwas besänftigen, indem ich versprach, dass alle seine Besucher umsonst in den Circus dürfen. Madame gefiel das nicht sehr, aber ich setzte mich durch und knurrend saß sie an der Kasse und musste über 30 Leute vorbeilassen, ohne zu kassieren, und das tut verdammt weh.
5 Jahre später, im Januar 1992 traf ich abends auf dem Marktplatz in Schwäbisch Gmünd einen Mann mit Pony und Sammelbüchse. Ich fragte ihn nach dem Circus. Er stellte sich dumm. Aber dann haute mir jemand auf die Schulter. Jachino, der Maler Jachino! Ich wurde stürmisch umarmt. Der private Circusdirektor vom Circus Ali Baba! Na, nichts wie los, ins nahe Cafè am Markt und das Wiedersehen mit einem Bier begossen. Aber jetzt mußt du mitkommen, was essen, na die werden sich freuen.
Sie standen im nahen Hussenhofen im Winterquartier. Circus Brasil nannten sie sich nun. Auf dem Weg zum Auto kam freudestrahlend der Sohn über den Marktplatz auf mich zu gelaufen. Ein netter stattlicher Bursche. In Hussenhofen angekommen hing mir die kleine Schwester jubelnd am Hals. Jachino! Der Maler! Hübsch war sie geworden.
Nur die Damen waren frostig, gar nicht begeistert, zu geizig, was auf den Tisch zu stellen.
Da zeigten Vater und Kinder mir voller Stolz im Stall ihr neues gebrauchtes Zweimastenzelt, ihre vier hübschen Ponies und wieder auf dem Wagen ein Video: Die Ponies arbeiteten schon sehr gut, das Mädchen auf dem Seil und dann die Messernummer. Potztausend! Auf rotierendem Messerbrett die Schwester. Eine wahre Sensation!
Ob Vater, Sohn und Tochter sich wohl gegen die mißgünstigen Weiber durchsetzen konnten? Schön wär’s.