Circus Barlay-Orandi

Mai 1984

Ich war mit dem VW Bus eine Woche bei Giovanni Althoff in Göppingen gewesen. Da wies mich ein Zuschauer auf einen sehenswerten Familencircus hin, der in Schorndorf steht.

Als ich in Schorndorf den Bus ablieferte, fuhr ich gleich an den Sportplatz, wo der Circus versteckt und trostlos in der Gluthitze dahindöste. Im Stallzelt kam ein hübsches lustiges Mädchen auf mich zu und erklärte mir alles. So stolz war sie, mit alles zu zeigen, daß ich auch bald richtig tippte. Sie war keineswegs vom Circus, sondern ein Circushürchen, das Circusprinzen im Akkord vernaschte. Bei Barlay-Orandi und bei Circus Hansa, bei Circus Bonanza war sie gleich mit 2 Circusprinzen im Bett, Markus rechts im Arm und links den Achim, Rosel, die Chefin zeigte mir selber das nette Schauspiel, der Vorhang war offen. Ach, Circusprinz sollte man sein! Und nun war sie bei Barlay- Orandi gelandet.

Ich war begeistert von der Vorstellung und entschloß mich, bei diesem Circus zu malen. Schon riefen sie mir zu: "he, kannste uns nich mal Heu besorgen, he Maler, mal mich doch ein Bild auf mein Wagen, wir zahlen gut!" Was "gut zahlen" beim Circus heißt, weiß ich.

Der nächste Platz war in Bietigheim unter dem Viadukt. In Bietigheim konnte ich bei einem Malerfreund wohnen, so war ich von früh bis spät beim Circus.

Ich brachte von Leni einen Korb Kirschen mit, der schöne handgeflochtene Weidenkorb war sofort verschwunden, weg, einkassiert. Vormittags stand ich vor dem Raubtierwagen und zeichnete. Joschi hatte mich ja gebeten, seinen Wagen mit einem Tigerkopf und einem Löwenkopf zu bemalen. Ich schloß gleich Freundschaft mit dem Reprisenclown Floppone, der mit der Concertina auftrat, Floppone war ein arbeitsloser Lehrer, der sich hier seinen Traum vom Circus erfüllte, nachdem er einen Clownskursus gemacht hatte und hier umgehend geheilt wurde.

Da kam der Herr Direktor Ortmann daher. Natürlich sollte ich nun endlich auch was Nützliches für den Circus tun. Jetzt war ihm was eingefallen. Ich bekam Farbe und Pinsel in die Hand gedrückt und mußte ein Stück Circuszaun streichen. Als es Mittag war, wurde ich gerufen. Ich bekam von Frau Direktor Ortmann einen Teller mit Spiegeleiern aus ihrem Wagen gereicht, das aß ich auf einem Zeltsack sitzend im Circuszelt. Mühsam würgte ich den Fraß runter - widerlich, als Raklo behandelt zu werden.

Da ließ ich mir von Floppone seine Concertina geben. Ich probierte und konnte auf Anhieb besser spielen als er. Floppone hatte die Schnauze voll, war dabei, sein Circusabenteuer zu beenden. Er erzählte mir von seiner miesen, stinkenden Unterkunft im winzigen Campinhänger bei dieser Wildsau von Raklo. 10 Mark Tagesgage - für 12, 14 Stunden Arbeit mit etwas Clownerie in der Vorstellung.

Doch mein Interesse als Maler war stärker als meine Abneigung gegen die Gebräuche in diesem Circus. So fuhr ich auch mit zum nächsten Platz in Lauffen am Neckar. Aber erst fuhr ich kurz nach Hause und zur Musikalienhandlung in Schwäbisch Gmünd. Per Eilbestellung ließ ich eine Concertina von Hohner beschaffen. Aber rot mußte sie sein.

In Lauffen schlief ich im Abteil des Kassenwagens auf meiner Luftmatratze auf dem Boden mitten im Gerümpel von Sattelzeug, Lampen, Kabeln, Mäuseschiß, Unrat und Plakaten. Es stank bestialisch, waschen konnte ich mich nirgends. Pinkeln und kacken irgendwo hinter einem Wagen oder Misthaufen. Aber ich malte bei den Vorstellungen. Sonst half ich, wo ich nur konnte. Mittags und abends ging ich in eine Wirtschaft zum Essen. Und ich vergnügte mich mit meiner neuen Concertina. Jetzt war dem alten Ortmann ein neuer Job für mich eingefallen. Ich sollte das Dach seines Wohnwagens streichen. Doch da drückte ich mich mit immer neuen Ausreden, schließlich kam mir der Regen und dann die Abfahrt zu Hilfe.

Diesmal war ich beim Umzug voll dabei. Der Sonntag war ein harter Tag gewesen. Nach der Vorstellung hatte wir den ganzen Circus abgebaut und frühmorgends fuhr die Karavane los. Voraus ein ehemaliger Circusdirektor. Der hockte stolz und elegant in Hut, Anzug und Krawatte auf seinem museumsreifen Traktor und tuckerte mit 8km/h über die Bundesstraße, zog seinen riesigen Circusdirektionswohnwagen hinter sich her und einen kilometerlangen Lindwurm hupender Autos. Es ging nach Bad Friedrichshall.

Gluthitze! Wir bauten schnell das Stallzelt auf und brachten die Tiere unter. Der geistig leicht behinderte Circussohn wollte es ganz genau wissen: ob ich schon mal Pferdefleisch gegessen hätte. Ganz raffiniert stellte er seine Fragen. Aber ich ging ihm nicht auf den Leim. Ich wußte es: Wer jemals Pferdefleich gegessen hat, ist für Circusleute und für Zigeuner "infam". Das ist das Allerschlimmste. Wer infam ist, der ist tabu, den darf man nicht berühren, schon garnicht eine Tasse Kaffee mit ihm zusammen trinken.

Es eilte, alle Mann ran, wir mußten schnellstens das frisch gemähte Gras zusammenharken und verfüttern, bevor es in der sengenden Hitze kaputt ging.

Da ging hinter uns ein Höllenspektakel los mit Gekreisch und Geschrei, mit Schimpfkanonaden und Kraftausdrücken, die ich bis dahin noch nie gehört hatte. Keiner von uns drehte sich um. Wir lachten vor uns hin.

Der blöde Circussohn hatte sich mit seiner "bezaubernden Partnerin" und ihrem Vater in der Wolle, der sich weigerte, seinen Orang-Utang-Raklo bei der Arbeit mithelfen zu lassen. Auf einmal Bewegung. Das Unikum von Wohnwagen wurde angehängt an den alten Mehrzweck-LKW, dahinter hing schief und schaukelnd das verbeulte Osterei, der Raklowohnwagen: der Schwiegervater des Dompteurs und Clown verließ den Circus. In den Vorstellungen war ich weiter gekommen. Ich hatte eine Mappe mit über 8o Aquarellen und endlich hatte ich es geschafft: Den springenden Tiger! Aus einem Guß gemalt innerhalb von 2 Minuten nach unzähligen Skizzen und Aquarellversuchen. Ich hatte mein Ziel erreicht. Jetzt mußte ich nur noch Joschi Torgados Wagen bemalen. Es war so heiß, daß ich mich tagsüber im kühlen Kiosk gegenüber aufhielt, wo man auch billig essen konnte. Oder ich saß am Ufer des Neckars im Schatten unter den Pappeln und zeichnete meine Entwürfe für die Wagenbemalung. Ich hatte meine Aufgabe, ansonsten wollte ich mich nicht bei dieser bestialischen Hitze von den Circusleuten einspannen lassen. Die waren genug Leute und waren nur gierig, von den Privaten in irgendeiner Weise was zu ergattern, zu erbetteln, zu mangen und zu schoren*). Das steckt den Circuszigeunern im Blut, und die Ortmanns sind waschechte Zigeuner wie die Franks eben auch und die Bougliones inParis, die Orfeis und Bizzarros in Italien. Circus Knie in der Schweiz hieß früher mal Gasser. Langsam begriff ich etwas von dieser fremden Circuswelt. Auch Fredy Riedesel hatte mich mal aufgeklärt bei einer nächtlichen Flasche Cognac. In Jahrhunderten der Verfolgung hat sich ein Ehrenkodex entwickelt, in welchem der Nichtzigeuner, also der Gadsch, der Private sowenig Ansehen hat wie der Ungläubige, der Christ bei den Mohammedanern. Aber der Circus lebt von den Privaten und hütet sein Geheimnis. Daher auch die streng abgegrenzte Hierarchie, besonders ausgeprägt beim großen Circus. Und der Circus grenzt sich ab von seinen wandernden Verwandten, die umgekehrt auf die Circusverwandten als Verräter herabsehen. Raubtiercircus ist vollends infam.

Wahr oder nicht, es ist die Meinung, die ich mir als uneingeweihter Privater gebildet habe im Laufe der Jahre beim Circus. In der Abendkühle malte ich dann auf eine Seite den verlangten Tigerkopf und den Löwenkopf. Alle standen um mich herum und jeder gab seinen Senf dazu. Wer gut zahlt, kann auch was verlangen. Damit ich dann doch noch etwas Schwung hineinkriegte, und weil ich einfach Schwierigkeiten bei einer genauen Schrift habe, malte ich um die Schrift und an den Seiten ein verspieltes, verschnörkeltes Bandgeflatter. Am andern Morgen wurde ich in die Stadt geschickt. Sie brauchten einen Bogen Sandpapier, den ich bitteschön erbetteln sollte für den armen Circus. Sie konnten nichts anders, jetzt hatten sie mich drangekriegt. Stundenlang in der Stadt herumlaufen und schwitzen, auf der Suche nach einem Dummen. Die konnten mich mal! 30 Pfennig bezahlte ich aus eigener Tasche und ließ ihnen die Freude, daß ich das Sandpapier für den Circus geschenkt bekommen hätte. Dieser Circus hat eine tolle Reklame, ein

*) betteln und klauen

wunderschönes Programm, aber sein Zelt bleibt oft leer: Zuviel Ruch von Geiz und Gier stößt auch das dofe, verkohlte private Publikum ab. Dann kam Joschi, um mich "gut" zu bezahlen und ich hatte mir schon ausgedacht, wie ich ihm einen Denkzettel verpassen kann. Vorsichtshalber hatte ich extra Minifarbtöpfchen gekauft und die Farbe extrem mit Terpentin verdünnt, die Dekoration wie ein Riesen-Aquarell gemalt. Der Kassenzettel lautetet auf 15.- DM und ich bekam vom berühmten Raubtierdompteur Joschi Torgado großzügig ganze Zwanzig Mark. Mensch, da hatte ich ja einen ganzen Heiamann*) verdient für das bischen Gekritzel, ohne mich anzustrengen.

Ich bedankte mich überschwenglich, ja das muß ich wieder gut machen. Ganze 5.- Mark, das ist doch viel zu viel, und ich bedankte mich für alle die Vorstellungen, die ich umsonst hatte sehen dürfen. Aber du hast doch immer geholfen, sagten nun seine Brüder. Zum Dank für die gute Bezahlung bemalte ich nun als Dreingabe, als kleines Geschenk auch die andere Wagenseite. Aber nach meinem Gusto und nach dem Aquarell des springenden Tigers.

Auf der Wiese daneben war hing Wäsche. Sieh da: Leni’s schöner Weidenkorb, nun Circus-Wäscheklammerkorb. Umgekippt, raus die Klammern, meinen Korb gekrallt und ins Auto.

Jetzt hatte ich Joschi schließlich doch an seiner Ehre gepackt, denn wir waren ansonsten Freunde geworden, ich mag ihn. Ob ich nicht mitziehen wolle als Clown wie Floppone? Wir zahlen gut! Welche Ehre: Ich wurde sogar zu einer Tasse Kaffee auf Joschis Wagen eingeladen. Das hat es bei den Ortmanns noch nie gegeben. Aber ich hatte leider leider keine Zeit und fuhr davon.

Es war Juni geworden. Ausstellung in Heubach mit Circusbildern. Die Vernissage eröffnete ich mit einer gelungenen Überraschung: ich erschien zum ersten Mal als Clown mit der Concertina!

*) Heiamann = 5Markstück

was’n Heiamann is? Damit kannste heia machen mit ‘ner Hure (Tarif in den 50er Jahren)

Barlay-Orandi

Das Rot der Kostüme der Tänzerinnen und das Weiß des hereinstürmenden Schimmels eröffnen das Programm mit hinreißender Circusreiterei

ein schwarzer Hengst als Steiger, 6 braune Pferde in vollendeter Dressur

das Kunterbunt der Clowns.

Circusprogramm als Farbenspiel.

Seiltanz

6 wilde Esel

Lamas, Kamele, Watussirinder als Exotentableau

und zum Schluß wirbelt ein winziges weißes Pony in rotem Zaumzeug in die Manege, springt in hohem Bogen über die liegenden Kamele-

höchste Zeit für die Pause, Atem zu schöpfen..

Endlich hatte ich es geschafft und dann nie wieder:

der Tiger im Sprung

Als ich aus Not das sorgsam gehütete Bild dann trotzdem verkaufen mußte, tat es mir leid.

Im November 1990 traf ich den Circus Barlay-Orandi in Trittau bei Hamburg wieder. Obwohl immerhin 6 Jahre vergangen waren, wurde ich stürmisch begrüßt und uns wurden die besten Plätze angewiesen, umsonst, zur hellen Begeisterung des kleinen Jungen, den ich zur Vorstellung mitgenommen hatte.

Joschi Torgado war derselbe lustige Kerl geblieben und der Vetter Peter Frank erzählte vom Circus Bely, wie ich in Heubach den Tierarzt besorgt hatte, der die Hirschkuh am Auge operierte und auch noch umsonst.

Der alte Ortmann fragte, wann ich denn endlich sein Wohnwagendach streichen will und schließlich wurde ich gefragt: sagmal, haste’n Camping dabei?

Hatte ich nicht.