Circus Giovanni Althoff
Gute Zeiten - schlechte Zeiten
1982, 1983 - das waren noch goldene Circuszeiten! So wie die 70er Jahre noch goldene Zeiten für die Kunst waren.
Den langsamen Niedergang der goldenen Circuszeiten erlebte ich von 1983 bis 1989 in der wiederholten Begegnung und der Freundschaft mit dem Circus Giovanni Althoff.
1983: Welch glanzvoller Circus, als ich 3 Wochen in Nürnberg bei Giovanni Althoff malte.
Ich schlief in meinem kleinen Citroen, aber das machte mir nichts aus. Ich war im Circus integriert, hatte viele Freundschaften und jeden Abend nach der Vorstellung ging es rund. Die Circusdirektorin Evelin Althoff ist Engländerin und hatte aus England eine Menge Freunde mitgebracht, darunter der Raubtierdompteur. Meine Freunde waren die Pressechefin, die beiden Presseassistenten, die italienische Artistenfamilie und der Jongleur. Ganz besonders aber freundete ich mich sofort mit dem Zeltmeister an. Pietro Bizzarro war nicht nur Sizilianer, sondern Verwandter des Circo Cittá di Roma, ich konnte ihm helfen bei sprachlichen Problemen, er richtete mir den idealsten Malplatz ein hoch über allem Geschehen, ungestört auf der Beleuchterbühne mit extra Licht und Arbeitstisch. Die beiden Beleuchter waren prächtige Kerle aus Friesland und wir vergnügten uns da oben. Uns entging nichts. Maestro Alberto Althoff war Chefdresseur. Er präsentierte den herrlichen 12er Zug Lippizaner und eine ausgelassenen Boxerhundemeute, dressierte vormittags in den Proben die Pferde und Ponies, mit Evelyn die eigensinnigen Babyelefanten, für mich beste Gelegenheit als Maler. Seine Frau arbeitete am Vertikalseil. Alberto Althoff wie Evelyn Althoff waren außerordentlich zugänglich ohne jede Starallüren, ich konnte Alberto mit meinem Auto gefällig sein und war ihm auf dem Wagen zu Gast bei einer Tasse Kaffee, das besondere Circusritual. Nur der Direktor Giovanni Althoff war offensichtlich menschenscheu, erst nach vielen, vielen Jahren,1999 kam ich mit ihm in ein kurzes Gespräch. Ich aß in der Circuskantine in einem großen, feudalen neuen Wagen und bester Küche.
Pressebüro mit 3 Journalisten, Administration mit 4 Fachkräften, Circusschule mit Gymnasiallehrerin, alle waren offensichtlich gut bezahlt, feinste Unterkünfte in großzügigen Einzelkabinen: das konnte sich sehen lassen!
Ein aufwendiges Programm mit Eisbären, Tigern, indischen Elefanten und einer Gruppe possierlicher afrikanischer Babyelfanten, vorgeführt von der bezaubernden Chefin. Pferde im Überfluß und wunderbare Akrobaten, Hochseil, eine gute Clownstruppe. Es fehlte an nichts und die Vorstellungen waren ausverkauft.
Nachts zogen wir durch das Nachtleben von Nürnberg, voran Evelyn Althoff.
Der Blaue Engel von Nürnberg
ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist
meine Welt und sonst gar nichts 
.
1983, Nürnberg
die Erotik der drei sizilianischen Schwestern beim Tanz einer Tarantella vor ihrer atemberaubenden Akrobatik bezauberte nicht nur den Maler, ein Besucher verlor völlig den Verstand. Eine Episode die an die Filmlegende mit Marlene Dietrich, an Professor Unrath im Blauen Engel erinnert.
Statt Berlin Nürnberg
Statt Blauer Engel der Circus Giovanni Althoff.
Statt Marlene die Sizilianerin, ebenso verführerisch.
Statt Gymnasialprofessor Unrath der Bürovorsteher der Stadtverwaltung, hochanständige Spießbürger alle Beide.
Bauch, Glatze mit Haarkranz, kurzsichtig, dezente Krawatte, Anzug mit Lederärmelschoner, Hut, Aktentasche mit Frühstück und Thermosflasche, Brille: da stimmte alles.
Er saß zuerst bescheiden auf dem billigsten Platz, hoch oben, ganz hinten auf der Tribüne und trank aus seiner Thermosflasche, dann auf dem teuersten Platz in der Loge, da trank er Sekt in der Pause und blieb dort 2 Wochen Stammgast. Er getraute sich immer mehr, drang in den Circus ein. Brachte in den Küchenwagen kistenweise Bier für die ganze Circusmannschaft, lief während der Vorstellung frech hinter den Vorhang, lud nach der Vorstellung ein, wen er gerade erwischte. Die beiden jungen Pressejournalisten, den Jongleur, den Bruder der drei Angebeteten und mich. Er schleifte uns durch sämtliche Nachtlokale, holte die nackten Stripteasetänzerinnen an unseren Tisch, der Sekt floss in Strömen bis früh um sieben, er verpulverte ein Vermögen, tat alles, um dem Bruder, der Familie der Schönen zu imponieren. Er stand stundenlang vor ihrem Wohnwagen und brachte ihr schließlich als Zeichen seiner Liebe und Fantasie einen Goldbarren, 100 gr.
Alles umsonst! Der Goldbarren gefiel der Dame nicht. Er wusste nichts von sizilianischen Sitten und Gebräuchen. Beim Bruder hatte er genau das Gegenteil erreicht und der Sizilianer Pietro Bizzaro jagte ihn mit Schimpf und Schande davon, als er wieder zur Kasse kam.
Oben auf der Beleuchtertribüne bogen wir uns vor Lachen! Es
war die Sensation, auf die wir da oben erpicht waren.

Sie liebte große Hüte, trug unmögliche Kleider, kam in die Manege, wedelte mit der Peitsche, schrie sich die Seele aus dem Leib: "Piiiirouette" aber die Ponies liefen immer nur im Kreis rum, Runde um Runde. Es war aber derselbe Ponyzug, der unter der Regie von Alberto Althoff morgens in der Probe ein erstaunliches Programm abzog.
Bei jeder Vorstellung dasselbe. Auch nach 5 Jahren.
Wer kennt schon die Geheimnisse eines Circus.
Mademoiselle und ihre noch jungen, temperamentvollen Kamele, schallte es über die Lautsprecher. Wer da wohl gemeint war? Die Kamele gewiß nicht, aber Mademoiselle war jung, temperamentvoll und hübsch, aber was wussten wir denn schon, wir bösen Buben oben auf der Beleuchtertribüne?
Im April 1984
traf ich den Circus zufällig wieder in Ellwangen. Schon von weitem riefen sie mir zu. Herzliche Begrüßung: Ob ich denn nicht nach Göppingen kommen könne, dort bleiben sie 10 Tage.
Ich lieh mir einen VW Campingbus, stand nun im "Artistenviertel" des Circus. Wieder durfte ich oben auf der Beleuchterbühne malen. Abends gingen wir alle zusammen mit Evelyn aus, wie schon damals in Nürnberg.
Der Circus war derselbe geblieben, aber alles war ein wenig wackeliger, besonders die Beleuchterbühne. Die Musik aus den Musikkassetten war ausgeleiert, Alberto Althoff war nicht mehr dabei. Die Eisbären waren ausgeliehen. Die Circusschule gab es nicht mehr, die Kantine war eine Spur bescheidener und es kam viel weniger Publikum. Nur am 1.Mai wurde der Circus vom Publikum überrannt, alles war ausverkauft, mit Notbänken bis in jeden Winkel. Genau wie 2 Jahre zuvor bei Circus Barum an der selben Stelle.
April 86
Circus Giovanni Althoff auf den Cannstatter Wasen in Stuttgart! Das ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Ich traf sogar Fredy Knie sen., der sich entschuldigte, daß er nicht zu meiner Ausstellungseröffnung in Dewangen hatte kommen können, wie er es vorgehabt hätte. Ich hatte ihm eine Einladung als Gruß geschickt. Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken an diese Ehre, die allerdings zuviel gewesen wäre.
Doch im Circuszelt herrschte gähnende Leere, weniger als 100 Zuschauer in dem großen 2000 Menschen fassenden Zelt! Ich ging in der Pause zu den Stallungen. Es war zum Heulen. Wo vorher 10 Leute arbeiteten, war fast niemand mehr, es herrschte Untergangsstimmung. Die Hälfte der Elefanten verkauft, das Pferdezelt halb leer, bedrückt saßen ein paar wenige Freunde davor. Sie erzählten mir: Der Dompteur war gegangen, Pietro Bizzarro führte nun die Tiger vor. Die Polizei hatte abends die Kasse beschlagnahmt, die Direktion ließ sich nicht blicken. Geld hatten sie schon lange nicht mehr bekommen.
Ein paar Monte später.
Auf dem Weg nach Ludwigshafen sah ich in Schwäbisch Hall Plakate von Giovanni Althoff. Aber ich hatte es eilig, wollte endlich Circus Frankello kennenlernen, von dem mir immer wieder wahre Wunderdinge erzählt worden waren. Ehe-Frankello hatte mich jedes Mal eingeladen, wenn er Circus Montana, seine Verwandten besuchte und mich malen sah. Aber nach all den tönenden großen Worten war ich enttäuscht. Nein, Frankello ist für mich kein Circus zum Malen. Auf der Rückfahrt hielt ich in Schwäbisch Gmünd am Circusplatz, um wenigstens Guten Tag zu sagen.
Es war gerade 20 Uhr. Evelyn saß in der Kasse und winkte, als ich vor dem Eingang parkte. "Komm Maler, fein dass du da bist, geh rein, es fängt gleich an"
Die Stimmung war wieder gut. Der Circus war nun um etliches ärmer, aber ich blieb gern ein paar Tage in dieser zu einer echten Familie zusammengefundenen Circusgesellschaft. Ich war glücklich. Ich malte für das junge Paar zu ihrer Hochzeit, ein Portrait der hübschen spanische Clowness und für andere Freunde und mir blieben trotzdem genug Bilder.
Juli 1988.
Ich war inzwischen das 2. Jahr mit meinen Pferden beim Circus Aldoni. Wir standen in Schrozberg. In Crailsheim holte ich Material im Sägewerk und sah die Plakate von Circus Giovanni Althoff.
Eine stürmische Begrüßung, Aldoni spielte nicht, so kam ich abends zur Vorstellung. Die Beleuchtertribüne war inzwischen nicht mehr betretbar. Das Chapiteau hing in Fetzen, alles war schäbig geworden. Aber es war der Circus meiner Freunde und ich war überglücklich. Pietro Bizarro wies mir einen Malplatz an direkt an der Manege. Ich malte 2 Aquarelle. Eins davon kaufte ein junges Besucherpaar auf der Stelle. Zum Sonderpreis, so gut wie geschenkt, weil ich so gut aufgelegt war. Sie versprachen mir prompte Überweisung, ich gab ihnen meine Kontonummer. Ich vertraute ihnen. Aber überwiesen haben sie bis heute nicht. Man muß heutzutage eben clever sein, oder?
Oh, Jachino bist du blöd! Die Zeiten haben sich geändert, hast Du noch nichts davon gemerkt?
Juli 1988.
Ich war inzwischen das 2. Jahr mit meinen Pferden beim Circus Aldoni. Wir standen in Schrozberg. In Crailsheim holte ich Material im Sägewerk und sah die Plakate von Circus Giovanni Althoff.
Eine stürmische Begrüßung, Aldoni spielte nicht, so kam ich abends zur Vorstellung. Die Beleuchtertribüne war inzwischen nicht mehr betretbar. Das Chapiteau hing in Fetzen, alles war schäbig geworden. Aber es war der Circus meiner Freunde und ich war überglücklich. Pietro Bizarro wies mir einen Malplatz an direkt an der Manege. Ich malte 2 Aquarelle. Eins davon kaufte ein junges Besucherpaar auf der Stelle. Zum Sonderpreis, so gut wie geschenkt, weil ich so gut aufgelegt war. Sie versprachen mir prompte Überweisung, ich gab ihnen meine Kontonummer. Ich vertraute ihnen. Aber überwiesen haben sie bis heute nicht. Man muß heutzutage eben clever sein, oder?
Oh, Jachino bist du blöd! Die Zeiten haben sich geändert, hast Du noch nichts davon gemerkt?
Oktober 1989
Ich war am Ende. Atelier, Wohnsitz, Pferde - alles war weg. Ich wohnte bei meinem Freund im Gästezimmer. Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll.
Da stand Circus Giovanni Althoff in Schwäbisch Gmünd. Ach, auch dem Circus ging es miserabel, mein Freund Pietro Bizzarro war niedergeschlagen. "Mi sono stufato" sagte er nur. "Anch’io" gab ich zur Antwort. - "Ich hab die Nase voll."
Nur noch wenige Menschen schlichen durch den großen, verlotterten Circus. Es war Vormittag, ich musste nach Stuttgart ins Krankenhaus, wo meine Mutter im Sterben lag. Also konnte ich nicht in die Vorstellung kommen. Ich sah meine Freunde seither nicht mehr.
Aber doch ging dann alles irgendwie weiter.
Meine Mutter kam wieder nach Hause, lebte noch 7 Jahre bis ins hohe Alter von beinahe 95 Jahren.
Ich habe mich auch wieder aufgerappelt.
und ich hoffe, daß meine Freunde vom Circus Giovanni Althoff längst wieder den Mut zurück gewonnen haben.
1999
fuhr ich nach Deutschland, auf der Durchreise sah ich die Plakate, dass Circus Giovanni Althoff nach Schwäbisch Gmünd kommen wird.
Ich war im Stress, machte wichtige Besuche, hatte einen Auftrag, musste operiert werden. Aber ich konnte es einrichten, den Circus Giovanni Althoff in Schwäbisch Gmünd vor der Einlieferung ins Stutgarter Katharinenhospital zu besuchen.
Statt um den ganzen Circus herum zur Kasse, versuchte ich den Weg von hinten, am Stallzelt vorbei. Mir folgte eine Gruppe Besucher. Da kam schon ein Ruf: Halt! Hier geht es nicht durch!
Die Gruppe kehrte um, ich auch. Ne, hallo, du bist nicht gemeint, komm her alter Knabe, wie gehts dir so?
Ich erkannte den dicken Kerl am Stallzelt gar nicht wieder, aber er kannte mich noch, da kamen die andern, ich wurde umringt! War das schön, auf einmal wieder unter Freunden zu sein, die aufgeschirrten Pferde, der Stallgeruch, die Wagen, die Kamele, Elefanten, die Anker mit den Seilen, das Circuszelt im Glanz der warmen Herbstsonne. Es wurde Zeit, wenn ich rechtzeitig in die Vorstellung wollte, ich ging weiter unter den Seilen hindurch, wollte zur Kasse. Aber da kam ich gar nicht hin.
Im Vorzelt mit dem Restaurationswagen sprang jemand vom Tischchen auf, kam mir entgegen und umarmte mich: Evelyn Althoff! Darauf war ich wirklich nicht gefaßt, immerhin waren 10 Jahre vergangen und Evelyn war inzwischen ein paar 100.000 Menschen in ihrem Circus begegnet und ich war nie ein besonderer Star oder gar VIP oder irgendwie wichtig für den Circus. Der Maler ist da! Komm, setz dich, was trinkst du? Da war noch anderer Besuch, das Ehepaar Thiergart aus Stuttgart. Als es Zeit war, brachte uns Evelyn persönlich ins Zelt, öffnete die Absperrung zur Ehrenloge, extra für uns und ich weinte vor Freude über die schöne Vorstellung. Evelyn mit den Pferden. Blos der alte Thiergart muss herummäkeln, seinen Senf dazu geben: war nicht so gut, war ganz ordentlich, schließlich war er früher mal Präsident der Circusfreunde, Sektion Stuttgart. Ich wär ihm am liebsten an die Kehle gegangen. In der Pause holte uns Evelyn persönlich ab ins Vorzelt und dasselbe nach Schluß der Vorstellung. Sie ließ mir keine Ruhe, ich müsse bleiben. Am liebsten die ganze Woche, kannst bei uns schlafen, aber ich musste leider ins Krankenhaus. Abends waren die Thiergarts weg, ich zeigte Evelyn mein Circusbuch, die Seite, auf der ich über den Thiergart und über die Circusfreunde hergezogen war. Sie rief ihren Mann Giovanni an den Tisch und wir lachten uns schief.
Jetzt ging es uns allen wieder gut. Etwas älter wohl und etwas bescheidener. Schade, ich wäre so gern noch eine Woche oder so geblieben.
2007
Inzwischen gab es böse Nachrichten, Circus Giovanni Althoff gibt es nicht mehr. Schud am Untergang: vielleicht die eitle und talentlose Ponydame in der Manege.