Die Geschichte vom Circus Rivels wardie Inizialzündung für
mein Buch
16. Januar 1998
Rivels Circus habe ich schon im Dezember 1994 in Grottazzolina gesehen, weil ich eben jeden Circus besuche, wo immer ich einen antreffe.
Also auch in Italien. Diejenigen, die ich hier in der Gegend gesehen habe, haben mich nie begeistern können.
Auch der Rivels Circus Dezember 1994 konnte mich nicht vom Hocker reißen, im Gegenteil, ich kam um vor Langeweile.
Doch diesmal bin ich begeistert, ja, sehr sogar.
Es hat sich nicht viel geändert am Programm oder der Einrichtung, wie Eingang, Chapiteau oder sonstwas.
Aber was ist da eigentlich geschehen, daß der Circus nun so schön ist?
Sicher, es kann sein, daß ich damals schlechte Laune hatte oder die Circusleute hatten schlechte Laune und diesmal war es ein besonderer Tag der Freude für sie - und doch scheint es mir, daß eine wundersame Veränderung stattgefunden hat.
Schon die erste Begegnung mitten auf der Straße, als ich sie beim Plakatkleben traf, da strahlten sie Sympathie aus, wechselten wir ein paar Worte. Mir fielen die verschiedenen neuen Bilder der Plakate auf. Als wenn es einen begeisterten Maler gäbe an ihrer Seite.
Es war ein wüster dunkler, nebliger Abend, als ich um 21 Uhr zur Vorstellung wollte. Sie waren nicht zum Spielen gekommen. Ich weiß, wie bitter das ist. Nach all den Vorbereitungen ist schließlich alles pünktlich bereit und dann kommt keiner. Wie tat mir der schmächtge, zierliche Junge leid mit seinem traurigen verfrorenen Gesicht, so sympatisch, höflich und bescheiden. Er quälte sich allein damit, einen erfolglosen Tag zu beenden: auch zur Nachmittagsvorstellung war niemand gekommen. " Ich weiß wie das ist, ohne Publikum kann man nicht arbeiten, es ist unmöglich, vor nur 30 Leuten aufzutreten" sagte ich. "Trenta! Magari trenta! - Dreissig! Immerhin Dreissig! - - ja mit dreissig da kann man schon arbeiten" sagte er in einem Ton, als wenn dreissig Leute im Zelt ein ganz großes Glück sei.
Die Gedanken lassen mich nicht los, voll großer Besorgnis für diese große Liebe zur Circus- Kunst und zu den Freunden, die den Mut haben, Circus zu machen. Ich denke an meine Freunde in Deutschland, auch dort sieht es immer trostloser aus für den Circus.
Auch wenn ich die Taschen voller Geld hätte, um ihnen zu helfen, es würde nichts nützen. Sie brauchen kein Almosen, sie brauchen Publikum. Aber das Publikum kommt nicht mehr, das Publikum bleibt im Sessel vorm Pantoffelcircus, der Glotze.
S.10
W
as aber soll das alles,diese ganze dumme alte Geschichte vom deutschen Circus Aldoni in meiner soeben angefangenen Geschichte vom italienischen Rivels Circus, eine Geschichte, von der ich nicht weiß, ob sie schon zu Ende ist oder ob sie noch weitergeht -
Ich kenne den Rivels Circus nicht.
Ich bin dabei, die Flut der Erinnerungen aufzuschreiben, die zwei Vorstellungsbesuche am 18. Januar 1998 ausgelöst haben. Erinnerungen, Phantasien und Gedanken, die mir Kopf und Herz füllen, die Neuen aber auch die Alten und damit zugleich auch die vom Circus Aldoni, alles gemischt und durcheinandergeschüttelt.
So sind also 4 Jahre vergangen, nun habe ich mich aufgerafft, um wieder in einer Circusvorstellung zu zeichnen. Eigentlich wollte ich das ja nicht mehr.
Aber dieses Mal habe ich mein Billett bezahlt, auch als sie es mir schenken wollten. Das will ich von nun an immer so machen. Sie waren erstaunt und lachten. Doch sollte es je eine Freundschaft geben, dann eben deshalb.
Als erste hoppeln zwei mollige Scheckenponies durch die Manege. Sie können nicht viel, immerhin sind sie nicht mehr zusammengebunden wie vor 4 Jahren. Aber die Kinder jubeln und sind begeistert, ich auch. Die Ponies sind lustig und übermütig, hübsch und gepflegt, offensichtlich gefällt es ihnen in der Manege und wer das schafft, ist ein Dresseur, der gut zu seinen Tieren ist. Ein freundlicher Mann, wohl 40 Jahre alt, ruhig und bescheiden in seinem Auftreten: Renato Riva, der Cirusdirektor.
Jetzt der Affe als Jockeyreiter, über Hindernisse geht es und zum Schluß bekommt er eine Banane.
Die junge Frau, die mir schon an der Kasse gefiel, ist Ansagerin und kündigt verschmitzt den großen Araberhengst an. Herein wuselt ein winziges braunes Pony mit langer weißer Mähne in die Manege, es tanzt einen Walzer und steigt zum Schluß auf ein Podest. Stolz wie ein echter Steiger. Ein Pony zum Knuddeln, zum Streicheln, man muß es einfach gern haben.
In der Pause Ponyreiten auf dem kleinen braunen Pony mit der weißen Mähne. Ich bleibe sitzen und zeichne. Welch seliger Stolz liegt in den Gesichtern der kleinen Kinder. Ja, das war es gewesen, das mich solange im Circus festgehalten hatte, dafür hatte sich all die Mühe im Circus gelohnt!
Sie balanziert auf dem großen roten Ball, kommt immer näher immer höher, erscheint immer größer, denn sie steigt auf dem Ball das Brett hinauf bis zum hohen Podest.
Seit sehr vielen Jahren habe ich nicht mehr diese schöne traditionelle italienische Circusnummer gesehen.
In der Nachmittagsvorstellung habe ich aufmerksam das Können der Artistin bewundert.
Doch jetzt ist alles anders. Ich habe einen andern Platz eingenommen, wo ich sie direkt ganz nah von vorne sehe, im vollen Licht der auf mich gerichteten gleißenden Scheinwerfer erscheint das junge schöne Mädchen in eine Lichtgloriole eingehüllt größer und größer. Die Erscheinung ihres Körpers beginnt sich meiner zu bemächtigen, mich zu erfassen, Schritt für Schritt, dann bleibt sie stehen, irgendwie dringt Applaus an mein Ohr, dann entfernt sie sich wieder, Schritt für Schritt, schließlich steigt sie vom Ball herunter.Weit, weit weg, dort im Mittelpunkt der Manege, unerreichbar durch die magische Grenze zwischen Manege und Publikum. Nein, ich bin nicht mehr einer von ihnen. Ich bin nicht mehr der Wissende um die so banale und harte Wirklichkeit, so ganz anders als das, was sie dem Publikum suggeriert.
Jetzt, mit dem bezahlten Billett habe ich das Alles erworben: die ganze schöne Illusion, die ganze Poesie, ich will nicht mehr wissen, warum, ich will garnichts mehr wissen, nur noch träumen, nur noch genießen, nur noch mich fallen lassen in diese Verführung des Circus
ich weiß nichts mehr
die Vortäuschung, die Illusion, von ihnen für mich geschaffen,
ist für mich herrliche Wirklichkeit!
... ein Neuanfang nach 4 Jahren
eigentlich hatte ich am 24.April 1994 endgültig Schluß gemacht mit dem Circus, aber ich kann garnicht anders, der Bleistift läuft von selber über das Papier.
Wieder die schlanke Stefania. Diesmal mit einer gekonnten Antipodennummer. Man muß nicht nur Mann sein, Maler sein, um dabei den herrlichen Wuchs ihrer Beine bewundernd zu genießen!
Was die lustigen Foxterrier auch alles können, ich achte kaum darauf. Ich habe schon viele schöne Hundenummern in Circusmanegen bewundert.
Es ist das junge Mädchen, die Grazie ihrer Bewegungen, ihr Lächeln - es ist diese Impression einer großen Sympathie und Zuneigung, die mich erfaßt, während ich ihr mit dem Bleistift folge, ich zeichne nicht, um eine Zeichnung zu fertigen, sondern um teilzuhaben, um einzutreten in das Ambiente dieses schönen Augenblickes, der nie wiederkommt. So aber bleibt er festgehalten auf diesem Stück Papier.
Also habe ich mit diesem "Trick" die Zeit angehalten, der schöne Moment versinkt nicht in der Vergangenheit, sondern er bleibt Gegenwart.
Es gewinnt Grottazzolina, drei zu null.
Es gewinnt immer Grottazzolina. Das wissen nur die, die mehr als nur eine Vorstellung gesehen haben
und jene, die das so eingerichtet haben,
die das gemacht haben mit einer Dressurleistung, gar nicht so einfach, aber dem Publikum verborgen.
Ein Dressurtrick ohne Applaus, aber mit der Genugtuung, dem jungen Publikum eine Freude zu machen.
"Hurra!
Wir haben gesiegt!
Grottazzolino gewinnt gegen Monte Giorgio drei zu null! "
Am nächsten Sonntag gewinnt Monte Giorgio, aber nur, wenn die Stadt Monte Giorgio einen Platz gibt und die Spielerlaubnis erteilt.
Es ist derselbe schmächtige Junge, den ich in jener kalten, nebligen Nacht getroffen hatte, jenes Abends ohne Vorstellung, weil niemand kam. Derselbe Junge, der während der Vorstellung rund um die Manege eifrig tätig war mit den Vorbereitungen, den Requisiten, dem Sauberhalten der Manege, aber auch derselbe Junge als bravouröser Jongleur.
Jetzt mit einer schwierigen und gefährlichen Darbietung. Das Rolarola. Man sagt, es käme aus Spanien. Ich habe es schon oft gesehen. Um die Wahrheit zu sagen, trotz allem Respekt vor der artistischen Leistung hat es mich nie besonders angezogen. Seit ich ihn vor drei Jahren gesehen hatte, hat er viel dazugelernt, die Nummer erweitert und bereichert mit Neuheiten, mehr Schwierigkeiten und größerem Risiko.
Er ist jetzt kein kleiner Junge mehr im Lausbubenalter, im Alter der Spiele und Vergnügungen wie alle Jungen ihm gegenüber im Publikum.
Ernster, konzentrierter, geschulter und verantwortungsbewußter als viele erwachsene Männer es jemals in ihrem Leben gewesen sind.
Er riskiert sein Leben für diese Menschen rings um ihn her, Vorstellung um Vorstellung.
Ich bin gebannt von diesem zarten und jungen Antlitz voller Aufmerksamkeit, von den Bewegungen der Arme und Beine, um das Gleichgewicht zu halten, aber auch gebannt von den Gesichtern neben ihm, den Gesichter der Seinen, in diesem besonderen Augenblick, die Geschwister, die Eltern -
das Publikum muß sich vergnügen:
wenn es ausbleibt, kann der Circus nicht leben.
Ich habe viel aufgeschrieben, aber noch immer schaffe ich es nicht, das zusammenzufassen.
Der vernarbte Schmerz ist nun nach 9 Jahren wieder aufgerissen vom Schreck durch dieser, so harmlos klingenden Frage der Circusoma.
Meine Bleisttiftskizzen werden doch nur auf Unverständnis stoßen und würde nur ausgelacht werden, keine gute Voraussetzung zum Weitemachen.
Ich hatte vor, am Sonntag nach Servigliano zu allen drei Circusvorstellungen zu fahren. Stattdessen wählte ich Skizzen aus, scannte sie ein, colorierte sie im Computer und machte daraus ein kleines Heft.
Das ist der Ursprung dieses Buches. Neben der Wiedergabe der Originale stehen die Bleizeichnungen vom Rivel Circus, coloriert mit der Computermouse.
Jetzt der 4. Platz: Piane di Monte Giorgio
Ich brachte also endlich das kleine Heft mit den kolorierten Skizzen, gab es der netten Tochter. Nur sie hat es schließlich verdient. Etwas Neugier bei den Mädchen, ansonsten gab es nicht viel Wirbel darum und das ist mir auch ziemlich egal. Ich habe den Wunsch erfüllt, "was gezeigt" und damit wird man zufrieden sein. Wo das Heft abbleibt, was damit geschieht, ist mir auch egal, ich habe es ja auch hier.
Neben dem Circus eine Brachwiese, alle Tiere waren draußen. Ein sehr beschauliches Bild. Sie spielten an diesem Nachmittag nicht, so zeichnete ich das Idyll.
4./5. Februar Petritoli
Gleich am Ortseingang sah ich den Circus eng zusammengedrängt, es war nicht zu erkennen, wo der Eingang ist, so kam ich von der Rückseite, drängte mich an den draußen angepflockten Tieren vorbei.
Es war Samstag 17 Uhr, um 15 Uhr waren sie nicht zum Spielen gekommen. Dafür war es am Abend zuvor gut gewesen. Sie freuten sich sichtlich, daß ich gekommen war und wir plauderten. Auch die Circusmamma taute immer mehr auf. Wieder Vorstellung um Vorstellung gezeichnet, wieder eine ganze Mappe voll. Nur die Raubtiere habe ich noch nicht geschafft.
Jetzt aber war ich erstmal erledigt, geschafft, übersättigt. Abends wollte ich auch kommen, aber ich bin nun doch wohl alt geworden, ich fühlte mich nicht wohl, hatte Herzbeschwerden, blieb dann zu Hause.
Sonntagnachmittag spielten sie, diesmal endlich eine ansehnliche Schlange vor der Kasse. Jetzt war man lebhaft an mir interessiert, man zeigte mir die Bilder im Küchenwagen, die Circuschefin bot mir zu trinken an. Sie und ihre Enkelinnen waren aufgeregt, lachten mich an. Ob ich eine Frau brauche, ob ich allein wäre oder verheiratet.
War ich mal, man hat mich davongejagt... und sie lachten. Ich gestand, daß ich verdammt allein bin.
Dann zurück in das Zelt. Ja, wen meinen die eigentlich als Frau für mich?
Mutter oder Tochter?
Eine Circusfrau - oh ja. Das hatte mir eigentlich immer gefehlt, als ich im Circus arbeitete und ich weiß, wie herrlich das sein kann.
Das sind nun genau 10 Jahre her, da hatte ich eine Frau im Circus für die Osterfeiertage. Petra!
Liebe im Circuswohnwagen, daß der Wagen wackelt. Kein Wunder haben Circusleute soviele Kinder. Auch hier im Rivels Circus wuselt es, bis jetzt sind es 7 Kinder und da kommen sicher noch welche dazu.
Zusammen mit Petra wären es auch 10 Kinder geworden, sie wollte ein Kind von mir. Schade, der Altersunterschied und ihres Papa’s Fabrik erlaubten das nicht.
Dieses Gespräch und die Erinnerungen an Petra aber hatten mich aufgerüttelt. Ich fuhr nicht nachhause, sondern aß ein Sandwich im Orient Express, konzentrierte mich und an der Abendvorstellung um 21 Uhr brach endlich das Eis.
Ich holte aus dem Auto Maltisch, Papier und Aquarellfarben. Noch war ich schüchtern, stand abseits vom Publikum in einer Ecke.
Ich tauchte ein in meine Farben, schwamm darin, malte erst die Ponies, dann aber das bisher Schwierigste. Die schnellen fließenden Bewegungen dieses zauberhaften Mädchens hoch über mir am Trapez, ich malte mit unerwarteter Sicherheit. Dann noch Ronny als Jongleur. Noch drei neue Aquarellbögen, aber nun war ich ausgepowert, die Kraft war zu Ende, Hände und Kopf lahm. Ich begriff. Sinnlos, jetzt weiterzumachen -
aber welch glückliches Gefühl der totalen Erschöpfung und damit das Gefühl, alles, aber auch alles aus mir herausgeholt zu haben. Es sind dies die Höhepunkte in meinem Leben als Maler. Das daraus enstandene Bild bleibt als Erinnerung an diesen Moment.
Vielleicht denken und empfinden andere Maler anders. Darüber wird immer wieder geschrieben und geredet, der Maler Hans Kloss wollte mir sowas an meiner Vernissage 1991 unterjubeln: die Angst des Malers, wenn er unschlüssig vor der weißen Leinwand steht - ich kann das nicht verstehen! Wenn der richtige Moment der Reife da ist, gibt es bei mir keine Hemmungen.
Also bitte, lieber Hans Kloss, liebe Romanschreiber, Kunstkritiker und Kunst-Besserwisser: keine dummdreisten Vermutungen, Behauptungen über mein Denken und Fühlen als Maler.
Ich packte alles zusammen. Eine Zigarette zusammen mit der Tochter, deren Namen ich immer noch nicht weiß. Aber ich hatte extra ihretwegen Marlboro gekauft. Sie fahren nach Rubbianello, bei Monte Rubbiano. Also am nächsten Freitag. Venerdi prossimo. Vor meinem Auto begegnete mir Alfredo mit seiner Schubkarre voll Stroh. Er fummelte mit Tabak und Blättchen. Ob ich ein Cerino, ein Streichholz habe. Ich schenkte ihm ein paar Marlboro. "Die rauch ich später," er verlor vor Aufregung seine gedrehten Zigaretten, sammelte sie mühsam auf.
Ich hatte die Kinder mal gefragt. Nein, sie haben keine Arbeiter, sie machen alles selber.
Aber da schleicht eben doch ein armseliges Wesen um den Circus, nur manchmal sieht man ihn. Mit einer Schubkarre voll Heu oder Stroh, auf der Wiese neulich beim kleinen Pony beim Striegeln mit müden Bewegungen.
Alfredo, der Raklo. Der Circussklave.
Also hat auch Rivels Circus seinen Raklo...